Akademisches Ghostwriting – legal oder nicht?

Sonntag, 08. Januar 2017 13:45

Wie kann es sein, daß so viel über „illegales“ akademisches Ghostwriting berichtet wird, während gleichzeitig eine große Anzahl von Agenturen und Ghostwritern genau diese Dienstleistung anbietet – mit Name und Adresse?

Die mediale Wahrnehmung

Fangen wir bei dem an, was sich dem Laien bei Recherchen im Internet erschließt – nicht, weil es korrekt wäre, sondern weil es einen ersten und damit auch bleibenden Eindruck hinterläßt, der im Laufe des Artikels hoffentlich korrigiert werden kann.

Gerne rücken Interessenverbände wie der Hochschulverband das akademische Ghostwriting in die Nähe zur Kriminalität. Dies ist eine Strategie, die in der politischen Diskussion häufig und nutzbringend angewendet wird: Je öfter die Begriffe „Ghostwriting“ und „illegal“ in einem Atemzug genannt werden, um so mehr bleibt hängen – gerade für unbedarfte Beobachter, die aufgrund ihrer großen Anzahl die beliebteste Zielgruppe darstellen. Ein weiterer, durchaus erwünschter Effekt ist, daß Studenten, die sich nicht genau informieren, von der Nutzung von Ghostwritern abgeschreckt werden. Wer die zugehörigen Artikel allerdings genau liest, wird feststellen, daß diese Art von medialer Empörung zwar wirksam ist, aber keinerlei rechtliche Basis hat: Weder steht es unter Strafe, akademische Texte zu verkaufen, noch können die Ghostwriter für die Aktionen ihrer Klienten verantwortlich gemacht werden.

Zum Begriff

Der Begriff „akademisches Ghostwriting“ – der sich in den Suchmaschinenrankings durchaus großer Beliebtheit erfreut und der sich daher auch gut als Werbemittel eignet – beschreibt die Tätigkeit, das im Umfeld der Akademien (bzw. Hochschulen / Universitäten) Texte für andere erstellt werden. Eine etwas weitergehende Umschreibung, bei der „akademisch“ mit dem ähnlichen, häufig synonym gebrauchten Begriff „wissenschaftlich“ übersetzt wird, zeigt, daß die Einsatzmöglichkeiten für Ghostwriter in diesem Bereich immens sind. Dies betrifft nicht nur die Auswahl der Themen, sondern auch die Textarten.

Studenten als Kunden

Studenten lassen schreiben, so viel steht fest. Aber sie sind bei weitem nicht die einzige Gruppe, die ein Interesse an wissenschaftlichen Texten hat. Zur Kundschaft von Ghostwritern gehören auch Personen, die eine Fachpublikation erstellen möchten, Beamte, die mit einer Recherche überfordert sind, Manager, denen die Zeit fehlt, eine Präsentation mit empirischen Daten zu erstellen und Lehrer, die Unterrichtsreihen erstellen sollen.

Gehen wir jedoch im Folgenden davon aus, daß Agenturen, die gezielt mit Begriffen wie „Bachelorarbeit schreiben lassen“ o. ä. werben, auch jene Kundengruppen anziehen, auf die sie es abgesehen haben: Studenten. Eine Kundengruppe, bei der sich durchaus Fragen zur Verwendung der Texte ergeben.

Die Agenturen streben danach, sich rechtlich gegen den immer im Raum stehenden Betrugsvorwurf abzusichern. Sie tun dies, indem sie im „Kleingedruckten“ (z.B. in ihren AGBs) darauf hinweisen, daß die so erstellten Arbeiten nicht als Prüfungsleistung mißbraucht werden dürfen.

Denn Studenten müssen in der Regel eine eidesstattliche Erklärung abgeben, wonach sie die Arbeit selbständig und nur unter Nutzung der angegebenen Quellen und Hilfsmittel verfaßt haben. Stellt sich diese Erklärung als falsch heraus, kann dies empfindliche rechtliche Folgen haben:

So besagt § 156 StGB: „Wer vor einer zur Abnahme einer Versicherung an Eides Statt zuständigen Behörde eine solche Versicherung falsch abgibt oder unter Berufung auf eine solche Versicherung falsch aussagt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“

Ghostwriter, die wissentlich ein solches Vorgehen unterstützen, könnten demnach möglicherweise wegen Beihilfe belangt werden. Die Realität von Ghostwritingabsprachen oder vertraglichen Vereinbarungen sieht jedoch anders aus. Denn kein Kunde wird naiv genug sein, den Ghostwriter in derartige Pläne einzuweihen. Darüber hinaus sichern sich Vermittlungsagenturen und Ghostwriter, wie oben gezeigt, über ihre AGBs rechtlich ab.
Betrug – ein Straftatbestand nach §263 StGB – kommt ebenfalls kaum in Frage, um akademische Ghostwriter zu belangen. Denn dort heißt es in Abs. 1: „Wer in der Absicht, sich oder einem Dritten einen rechtswidrigen Vermögensvorteil zu verschaffen, das Vermögen eines anderen dadurch beschädigt, daß er durch Vorspiegelung falscher oder durch Entstellung oder Unterdrückung wahrer Tatsachen einen Irrtum erregt oder unterhält, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“

Nun spiegeln Ghostwriter aber – zumindest, wenn sie seriös arbeiten – ihren Kunden keine falschen Tatsachen vor, sondern liefern, wie vereinbart, Texte auf hohem wissenschaftlichen Niveau. 
Auch die Vermittlung von akademischen Ghostwriting-Dienstleistungen ist in Deutschland legal.

Exkurse in die Grauzone

Dennoch befindet sich ein Teil des akademischen Ghostwriting in einer rechtlichen Grauzone: „Von einer rechtlichen Grauzone wird im Zusammenhang mit Ghostwritern deswegen gesprochen, da kein deutsches Gesetz eine Sanktionierung des Ghostwriters akademischer Arbeiten vorsieht. Es ist nicht strafbar. Es ist rechtlich zu missbilligen, aber nicht strafbar oder verboten.“
Quelle: Kanzlei Ronnenberg: Ghostwriting verboten oder nicht? Bezug auch zu OLG Düsseldorf, I-20 U 116/10

Das OLG Düsseldorf stellt am 8.2.2011 zur Frage der „Marktführerschaft“ fest, ein Anbieter von Vermittlungsdienstleistungen könne „schon deshalb nicht zu den Marktführern des wissenschaftlichen Ghostwritings gehören, weil sich sein Angebot auf einen Teilmarkt beschränkt und zudem auf rechtlich mißbilligte Dienstleistungen.“

Darüber hinaus wird festgestellt: „Während der Antragsteller jedenfalls auch in Bereichen tätig ist, die rechtlich nicht mißbilligt werden, wie z.B. das Erstellen von Fachbüchern, stellt der Antragsgegner gerade werbend heraus, daß er "ausschließlich auf Hochschulabschlußarbeiten und Dissertationen für den deutschsprachigen Raum für Privatpersonen spezialisiert" ist. Diese Tätigkeit verstößt aber jedenfalls gegen die guten Sitten.“

Quelle: justiz.nrw.de

Schlagwort„Wissenschaftsbetrug“

Im Zusammenhang mit Plagiaten hat der deutsche Hochschulverband die Einführung des Straftatbestandes „Wissenschaftsbetrug“ gefordert, mit dem gegen Täuscher und Plagiatoren, aber auch gegen akademische Ghostwriter vorgegangen werden soll.

Dies rief jedoch auch Kritiker auf den Plan, die sich gegen derartige Pläne wenden.

Ein im Jahr 2013 von Ingke Goeckenjan verfaßter Aufsatz in der Juristenzeitung (Bd. 68, Heft 14), kommt bezüglich eines möglichen Straftatbestandes „Wissenschaftsbetrug“ zu dem Schluß:
„Insgesamt kann festgehalten werden, daß das Wissenschaftssystem nicht mit Hilfe eines Straftatbestands vor dem Verlust seiner Glaubwürdigkeit geschützt werden muß. Die wirksamsten Mechanismen zur Aufdeckung und Ahndung wissenschaftlichen Fehlverhaltens liegen in der Wissenschaft selbst. Sie verfügt über die sachnächsten Kriterien, um zwischen zulässiger Ausübung der Wissenschaftsfreiheit und unredlichem Verhalten zu unterscheiden.“
Quelle: ombudsman-fuer-die-wissenschaft.de (PDF)

Fazit

Wäre das akademisches Ghostwriting per se illegal, und würden Schreiber bestraft, so wäre der akademische Dienst des Bundestages kriminell, ebenso wie jeder Lehrstuhlmitarbeiter, der im Auftrag eines Professors schreibt, ohne daß sein Name auf der Publikation steht. Wollte man akademisches Ghostwriting per se verbieten, wie es der Hochschulverband medienwirksam fordert, so müßte eine klare rechtliche Grenze definiert werden, welche Textarten frei verkäuflich sind und ab wann und unter welchen Bedingungen die Weitergabe eines wissenschaftlichen Texts strafbar ist. Eine solche Definition sowie die Ausgestaltung ihrer Umsetzung wäre vor allem ein welt- und wissenschaftsfremdes Arbeitsbeschaffungsprogramm für Juristen.

Die Praxis des akademischen Ghostwriting mag vieles sein: fragwürdig, rechtlich mißbilligt, gar „sittenwidrig“ oder „unmoralisch“ – illegal ist sie nicht.
Während akademische Ghostwriter, die einige Grundregeln beachten, rechtlich auf der sicheren Seite sind, sieht es für Kunden, die sich Prüfungsleistungen durch die Vorlage fremder Arbeiten erschleichen und eine falsche eidesstattliche Erklärung abgegeben, anders aus. Sie können, sollte ihnen dies nachgewiesen werden, sehr wohl belangt werden. Daß ein solcher Nachweis angesichts der vorherrschenden Bildungspolitik immer schwieriger wird, weil zunehmende Studentenzahlen, der Bologna-Prozeß sowie Personal- und Budgetkürzungen die Kontrolle erschweren, ist eine Tatsache, die äußerst unbequem erscheint und daher nach Kräften ignoriert, heruntergespielt oder mit der Forderung nach einem Verbot des akademischen Ghostwriting übertönt wird - einer Forderung, die vorgibt, Symptome zu bekämpfen, während sie die tatsächlichen Ursachen der Problematik völlig außer Acht läßt.